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SPD zur Sache „Braucht Wissenschaft eine Quote?" - Bericht C. Bartels

07. Juli 2011 0 Kommentare

Professoren unter sich

(cb) Veranstaltung der ASF Hildesheim am 04.Juli 2011.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „SPD zur Sache“ hatte der SPD-Stadtverband eingeladen.

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Dr. Silvia Lange, Sandra Schaub, Dr. Gabriele Andretta, Renate Schenk, Sema Zümrüt, Prof. Dr. Christiane Dienel

 

 

 

 

Zu Impulsreferaten und zur Teilnahme an einer Podiumsdiskussion waren eingeladen:
- Dr. Gabriele Andretta, Wissenschaftspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion,
- Prof. Dr. Christiane Dienel, Präsidentin der HAWK,
- Dr. Sylvia Lange, Gleichstellungsbeauftragte der Stiftung Universität Hildesheim,
- Dipl. Päd. Sandra Schaub, Juso-Vorstand,
- Sema Zümrüt, Studentin, B. A. Erziehungswissenschaften



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„Wo liegen die Barrieren“, das war die Kernfrage, die von den eingeladenen Referentinnen und dem Auditorium diskutiert werden sollte und ob sich die Wissenschaft eines arithmetischen Instruments, der Quote, bedienen darf, um die bestehenden Missverhältnisse zu korrigieren.
Renate Schenk, ASF-Vorsitzende, hatte zu dieser Veranstaltung eingeladen und eröffnete mit einer Reihe beeindruckender Daten: junge Frauen stellen inzwischen 55% der Hochschulabsolventen, sind aber bei den Promotionen mit einem Anteil von 40% und bei den Habilitationen mit 25% unterdurchschnittlich vertreten. Lehrstühle werden in Niedersachsen zu 21,6% (bundesweit 17%) von Frauen besetzt. Mit Blick auf die Wirtschaft ist festzustellen, so Renate Schenk, dass Führungspositionen mit 4% ebenfalls unterdurchschnittlich oft durch Frauen bekleidet werden. Zudem seien bei den Arbeitnehmerinnen befristete Beschäftigungsverhältnisse überdurchschnittlich oft festzustellen.
Frau Dr. Andretta, wissenschaftspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, erinnerte zum Einstieg in ihr Impulsreferat, dass vor 111 Jahren die erste Frau an einer deutschen Hochschule immatrikuliert worden ist: Frau Johanna Kappes forderte ihre Einschreibung an der Freiburger Universität und erkämpfte sich damit einen bedeutsamen Schritt auf ihrem Weg zur praktizierenden Ärztin. Gesellschaftspolitisch betrachtet ein Urknall. Der Zugang zur wissenschaftlichen Ausbildung und Tätigkeit war endlich erreicht, mit dem Ergebnis, dass inzwischen mehr Frauen als Männer ein Hochschulstudium erfolgreich absolvieren. Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass ein Hochschulabschluss wohl eine notwendige aber offenbar noch keine hinreichende Bedingung darstellt, in der Wissenschaft eine herausgehobene Position, explizit eine Professur, zu besetzen. Frau Prof. Dr. Beisiegel bekleidet an der Universität Göttingen nach 270 Jahren als erste Frau das Amt der Präsidentin. Der Wissenschaftsrat hat, so Frau Dr. Andretta, bereits 1998 gefordert, „bestehende Hindernisse“ für Frauen in der Wissenschaft „zu beseitigen“. Das Gremium empfahl Zielvereinbarungen und finanzielle Anreize. Auch 2011 hat diese Organisation auf die geringe Frauenpräsenz in herausgehobenen Positionen hingewiesen. Damit verbunden der Hinweis, dass diese Situation die internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtige, da ein vorhandenes Potenzial nicht genutzt werde.
Frau Dr. Andretta forderte den konsequenten Einsatz der Frauenquote, die Vergangenheit habe gezeigt, dass dieses Instrument notwendig sei. Die Zeit sei reif für die Quote. Dabei favorisiert sie das sog. Kaskadenmodell: der Frauenanteil einer betrachteten Qualifikationsstufe soll den bestehenden Frauenanteil der darunter liegenden Qualifikationsstufe erreichen oder übersteigen.
Der Zugang von Frauen in herausgehobene Positionen werde häufig dadurch verhindert, dass männerbesetzte Gremien die Auswahlentscheidungen treffen und Frauen benachteiligten. So würden beispielsweise Auswahlkriterien zugunsten männlicher Bewerber angepasst, stellte Frau Dr. Andretta fest. Die HIS GmbH habe in einer Untersuchung herausgearbeitet, dass Berufungsverfahren von Professuren inzwischen formeller verlaufen, der Vorlauf dieser Verfahren habe jedoch an Bedeutung gewonnen. Die Diskriminierung sei subtiler geworden, stellte Frau Dr. Andretta fest, die Weichen würden bereits gestellt, bevor das offizielle Verfahren begonnen hat. Die Frauenquote sei notwendig, um bestehende Umgehungsstrategien zu verhindern.
Der Anteil von Frauen an den Promotionen liegt im Bundesdurchschnitt bei 40%, der Anteil der Habilitationen bei 25%. Frau Dr. Andretta folgerte, dass der Wissenschaft insbesondere in der Phase nach der Promotion, auf dem Weg zur Habilitation, viele Frauen verloren gehen. Daraus entwickelte Frau Dr. Andretta die These, dass die Verfassung der Habilitationsschrift für Frauen die größte Hürde in der Wissenschaft darstelle, weitaus höher als für die männlichen Wissenschaftler. Trotzdem würde im Wissenschaftssystem daran festgehalten, dass die Habilitationsschrift der vorrangige Weg zu einer Professur sei und damit die Frauen systematisch benachteiligt.
Berührungsängsten gegenüber der Quote trat Frau Dr. Andretta entgegen. Dieses Instrument müsse nicht befürchten lassen, dass minder qualifizierte Frauen ungerechtfertigter Weise gefördert würden. Eine Frau könnte und würde in einem Auswahlverfahren nur berücksichtigt werden, wenn ihre Qualifikation die Teilnahme an diesem Verfahren eröffnet habe. Auch Quotenfrauen müssen ihre Leistung bringen, so Frau Dr. Andretta.
Den Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in diesem Fall exakter: Frau und Wissenschaft, sieht Frau Dr. Andretta gelassen. Ihre Erwartung ist, dass eine Quote die Hochschulen familienfreundlicher machen würde. Die Organisationen würden dann die notwendigen Voraussetzungen schaffen, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen.

 

 

 

Frau Prof. Dr. Dienel, Präsidentin der HAWK, eröffnete zu Beginn ihres Referates, dass bei der Betrachtung einer Frauenquote zwei Herzen in ihrer Brust schlagen. Dem Instrument sei eine Wirksamkeit nicht abzusprechen, sie beschleunige den Ausgleich der Beteiligung von Männern und Frauen dort wo sie eingesetzt werde; gleichzeitig habe sich jedoch festgestellt, dass sich in vielerlei Positionen Frauen auch ohne eine Quotenregelung durchgesetzt haben und damit die vorhandene Diskriminierung in der Wissenschaft zurückgedrängt worden ist. Frau Prof. Dr. Dienel bestätigte ausdrücklich, dass auch nach ihrer Erfahrung Frauen in der Wissenschaft diskriminiert werden.
Trotzdem möchte Frau Prof. Dr. Dienel die Quote kontrovers diskutieren. So befürchte sie durch den Einsatz dieses Instruments auch so etwas, wie verletzten Stolz. So würde sich möglicherweise jede Wissenschaftlerin der Frage ausgesetzt sehen, ob sie aufgrund ihrer Leistungen oder der Quote eine bestimmte Position erreicht habe. Bisher könne sich jede Frau bewusst sein, dass sie eine Position ausschließlich aufgrund ihrer Leistungen erreicht habe. Außerdem habe sie Diskussionsbedarf, ob eine Quote auch eine missverstandene Form einer political correctness befördern könne, durch welche Frauen einen besonderen Schutz bei der Einschätzung ihrer Leistungen erfahren würden.
Die HAWK sei auf einem guten Weg, so Frau Prof. Dr. Dienel; der Anteil der Professorinnen liege bei 30%, bei den Neuberufungen bei 40%. Diese Anteile seien auch deshalb hervorzuheben, weil an der HAWK ein hoher Anteil naturwissenschaftlicher Fächer gelehrt werde.
Frau Dr. Lange, Gleichstellungsbeauftragte der Stiftung Universität Hildesheim, stellte einige Daten ihrer Hochschule vor: 36% der Professuren haben Frauen inne, der Anteil der Frauen bei den Habilitationen liegt bei 55%, bei den Promotionen bei 50%, während der Anteil der weiblichen Studierenden bei 80% liegt. Insofern kommt Frau Dr. Lange zu dem Ergebnis, dass die Stiftung Universität Hildesheim im Bundesdurchschnitt und Landesdurchschnitt gute Ergebnisse aufzeigen kann, bei einem Anteil von 80% weiblicher Studierender aus ihrer Sicht jedoch auch höhere Werte denkbar seien.
Mit Bezug auf die Frage, ob eine Frauenquote in der Wissenschaft eingeführt werden sollte, führte Frau Dr. Lange aus, dass es 1992 lediglich 6,5% weibliche Professorinnen gab, im Jahr 2008 habe der Wert hingegen bei 17,4% gelegen. Dies zeige eine positive Entwicklung auf, die Hoffnung auf eine weitere Zunahme des Anteils der Wissenschaftlerinnen stärke.
Zu berücksichtigen sei bei der Betrachtung dieser Daten, dass die Umstellung der Besoldung der Professuren von der C-Besoldung auf die W-Besoldung stattgefunden habe. Diese nun auch leistungsorientierte Form der Entgeltung habe die Bedeutung von Verhandlungsprozessen im Rahmen der Berufungsverfahren erhöht; ob diese neue Situation den Wissenschaftlerinnen zugutekommt, ist nach Ansicht von Frau Dr. Lange noch nicht abzuschätzen. Außerdem seien die Junior-Professuren eingeführt worden, wodurch der Zugang zu einer Professur ohne die Verfassung einer Habilitationsschrift, jedoch einer hervorragende Dissertation und dem erbrachten Nachweis der Befähigung zu vertiefter selbständiger wissenschaftlicher Leistung, eröffnet worden ist. Ebenfalls eine grundlegende Veränderung des Systems, deren Auswirkungen auf die Entwicklung des Anteils weiblicher Wissenschaftler noch offen seien.
Kontroverser als ihre Vorrednerinnen bis zu diesem Zeitpunkt diskutierte Frau Dr. Lange die Frage, ob die Frauen in gleicher Intensität wie die Männer den Zugang zu einer Professur suchen. So erläuterte sie, dass die Leitung eines Lehrstuhls eine totale Verfügbarkeit der Person für die Wissenschaft erfordere, eine Anforderung die für Frauen nicht ausnahmslos attraktiv sei.
Zu der Frage der Umsetzbarkeit einer Frauenquote bezog sich Frau Dr. Lange auf die leistungsorientierte Mittelzuweisung (LOM) der Hochschulen durch das MWK. Derzeit werden in Niedersachsen 10% der Mittel für laufenden Aufwand in Abhängigkeit von einer Formel zugewiesen, in der bestimmte Indikatoren, so auch der Anteil der Professorinnen, berücksichtigt werden.
Frau Dr. Lange forderte mit dem Ziel der Erhöhung des Anteils weiblicher Wissenschaftler eine engere Kopplung dieses Anteils mit der LOM und zudem die Abschaffung der Habilitationsschrift als Zugangsvoraussetzung zu einer Professur.
Renate Schenk warf im Zuge der Anmoderation der nächsten Referentinnen ein, dass der Anteil der Professorinnen ohne Kinder bei 60% liege, während von den Professoren im Vergleich nur 35% kinderlos sind.
Sandra Schaub und Sema Zümrüt forderten in ihren Impulsreferaten ebenfalls die Erhöhung des Anteils der Wissenschaftlerinnen. Dies solle aber nicht durch die Einführung einer Frauenquote erfolgen, sondern in erster Linie durch die Schaffung von Rahmenbedingungen, welche die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie ermöglichen sollen.
Diese Forderung traf auch bei den anderen Referentinnen auf Zustimmung, Frau Dr. Andretta betonte, dass die Kombination unterschiedlicher Maßnahmen notwendig sei. Dabei ging sie auch auf die Frage ein, ob der Quote eine familienfreundlichere Hochschulen folgen würden bzw. müssen oder ob zunächst familienfreundlichere Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, um die Umsetzung einer Quote praktisch zu ermöglichen. Beide Aspekte müssen aufeinander abgestimmt entwickelt werden.
Die folgende Podiumsdiskussion war von Einigkeit geprägt, in Bezug auf die Frage, ob der Anteil der Wissenschaftlerinnen erhöht werden müsse. Diskutiert wurde vorrangig darüber, wie dieses Ziel erreicht werden kann und wo derzeit die größten Hindernisse liegen.
Frau Prof. Dr. Dienel ging auf den Aspekt ein, dass die Habilitationsschrift das zentrale Hindernis in der Karriere der Wissenschaftlerinnen sei, weil diese
1. i. d. R. In der Phase zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr erfolge, in der viele Frauen unmittelbar von der Frage der Familienplanung berührt seien,
2. ein Verfahren darstellt, das in großer Abhängigkeit von der jeweiligen Fakultät stehe, die bisher männerlastig strukturiert seien. Entsprechend schwierig sei es für Frauen, in dieser Institution akzeptiert zu werden,
3. während zeitlich befristeter Arbeitsverhältnisse realisiert werden müsse, wodurch die Lebensplanung sehr belastet, weil ungewiss sei,
4. monomanische Tätigkeiten, also sehr auf eine Sache konzentriert zu arbeiten, mehr in der Natur des Mannes als in der der Frau liege,
5. da angesichts der bestehenden Verhältnisse die Berufungschancen einer Frau unterdurchschnittlich seien. Entsprechend größer die Gefahr für die Frau, nach einer starken Spezialisierung kein Beschäftigungsverhältnis (Lehrstuhl) angeboten zu bekommen.
Der frühere Hildesheimer Stadtbaurat Thomas Kuhlenkampff führte die Diskussionen zusammen, dass sich die Frauen, die sich an den Anfängen ihrer beruflichen Karrieren befinden, an diesem Abend tendenziell skeptisch gegenüber einer Frauenquote geäußert haben. Die Teilnehmerinnen des Abends, die bereits auf eine berufliche Karriere zurückblicken können, hätten sich dagegen eher positiv zu diesem Instrument positioniert. Er selbst beurteile eine Quote als geeignetes Instrument zugunsten der Gleichberechtigung.
Elisabeth Conrady, einst erste Bürgermeisterin Hildesheims, saß im Publikum. Sie unterstützte die Argumente zugunsten der Frauenquote. Der Zugang zu herausgehobenen Ämtern sei den Frauen häufig verstellt, aufgrund der bestehenden männlich geprägten Strukturen. Die Befürchtung, dass mittels einer Quote schlecht qualifizierte Frauen ausgewählt würden, müsse man nicht hegen. Die Qualifikation sei jeweils die notwendige Voraussetzung, überhaupt in ein Auswahlverfahren einbezogen zu werden.



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Das Publikum zeigte sich von den vorgebrachten Argumenten der Referentinnen beeindruckt. Eine Abfrage zeigte, dass die Anzahl derer, die von der Notwendigkeit und Nutzbarkeit der Quote zugunsten der Eröffnung des Weges in die Wissenschaft für die Frauen überzeugt sind, im Zuge der Veranstaltung gestiegen ist.

Carsten Bartels



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